Provenienz

Damit Einträge vergleich- und filterbar sind, müssen möglichst viele Angaben in vordefinierten Schemata eingegeben werden. Das geht vom einfachen Vor- und Nachnamen über die Frage, welche:r Künstler:in ein Werk geschaffen hat, bis hin zu sehr komplexen Angaben der Provenienz. Bei der Provenienz handelt es sich oft um komplexe Angaben über Besitz, Ort, Datum, Kaufpreis und involvierte Personen. Als Grundlage meines Systems wurde die öffentlich einsehbare Provenienz der Kunstwerke im Kunsthaus Zürich gewählt. Ich habe mit Anthropics AI die verschiedenen Fälle der Dokumentation der Provenienz analysieren lassen und darauf aufbauend meinen Katalog an Erfassungsmöglichkeiten erstellen lassen. Dieser Katalog ist mit jedem neuen Fall gewachsen. Erfasst werden können unter anderem: Besitzer:innen, Händler:innen, Kommissionär:innen und Verwahrer:innen (etwa eine Leihgabe oder ein Depot), Mitbesitz, Preise mit Währung, Orte, Inventar- und Losnummern, nicht verkaufte Auktionen, Tausch, Diebstahl mit späterer Wiederauffindung, Ereignisse wie eine Restitutionsforderung sowie Besitz ohne Rechtstitel (etwa durch den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg). Widersprechen sich zwei Quellen, wird die zweite Lesart neben dem Schritt festgehalten, ohne in die Berechnungen einzufliessen. Aus den Lebensdaten der Besitzer:innen zieht das System zudem eigene Schlüsse, etwa dass ein Werk zu Lebzeiten des Künstlers übergeben worden sein muss; diese werden auf der Website kursiv und als "derived" gekennzeichnet.

Einige Fälle haben den Katalog besonders geprägt:

Provenienzpfade

Während für Personen die Beziehungen als Basis für die Visualisierung ihres Lebens und ihrer Tätigkeit verwendet werden, habe ich aufgrund der Komplexität und der Besonderheiten der Provenienz ein separates System für Kunstwerke aufgebaut. Dieses System erlaubt es auch, fehlende Abschnitte der Provenienz oder Unsicherheiten über Abschnitte hervorzuheben. Bei Künstler:innen können undokumentierte Abschnitte ihres Lebens durchaus interessant sein, sind aber deutlich weniger wichtig, wenn man berücksichtigt, dass die Provenienzforschung bei Kunstwerken insbesondere auch darüber Auskunft geben soll, ob ein Kunstwerk Raubgut der NS-Zeit ist oder sein könnte.

Design

Die Pfade der Provenienz bestehen aus Punkten und Linien. Ein Punkt kann einen oder mehrere Einträge der Provenienz umfassen. Ein Objekt kann von London für eine Auktion nach Paris gebracht und dort von einer Käuferin aus Zürich ersteigert worden sein. Das sind einzelne Punkte in den jeweiligen Städten. Es kann aber auch passieren, dass ein Objekt von einem Besitzer in Zürich in einem Auktionshaus in Zürich zur Versteigerung angeboten, aber nicht versteigert wurde, und danach als Schenkung in ein Museum in Zürich gelangte. Alle diese Stationen umfassen einen einzelnen Punkt. Das Design der Punkte und Pfade soll den Benutzer:innen auf den ersten Blick Auskunft über die Art und Qualität der Informationen geben. Linien von Übergaben sind durchgezogen, wenn die Übergabe direkt geschah; war sie indirekt, ist die Linie gestrichelt. Geschah die Übergabe nur implizit, ist die Linie gestrichelt und blass. Wird eine Linie angeklickt, erscheint ein Popup, welches anzeigt, welche Orte und Nummern verbunden wurden und um welche Art der Übergabe es sich handelt. Ähnlich verhält es sich mit den Punkten. Sie sind grösser, wenn sie keinen genaueren Ort betreffen, sondern nur eine Region oder ein ganzes Land. Die Punkte sind ebenfalls nur bei eindeutigen Angaben vollständig gefüllt und satt. Bei der Provenienz des Wanderers über dem Nebelmeer war schwer zu erkennen, wo die Geschichte des Werks beginnt und wo sie endet. Der erste Schritt, Caspar David Friedrich selbst, hat keinen Ort, also begann die Karte bei der Markierung "2, 8", und das Ende versteckte sich in "13, 14". Kehrt ein Werk an einen Ort zurück, werden die Schritte in einer Markierung zusammengefasst, und die Reihenfolge allein ist dann schwer zu lesen. Seit 2026-10-19 sind auf der Karte eines Kunstwerks die erste und die letzte Markierung umrandet und beschriftet: "start" oder "first known place", wenn die ersten Schritte keinen Ort haben, und "today", wenn der letzte Schritt noch andauert, sonst "last known place". Bei einem zerstörten oder verschollenen Werk heisst das Ende immer "last known place".

Provenienz und Ausstellungsgeschichte

Provenienz und Ausstellungsgeschichte beschreiben zwei unterschiedliche Bewegungen von Kunstwerken. Während die Provenienz die Besitzwechsel beschreibt, beschreibt die Ausstellungsgeschichte die Orte und Zeiten, zu welchen Kunstwerke zu sehen waren. Bei der Provenienz war ich mir seit Beginn sicher, dass sie in meinem Projekt eine zentrale Rolle übernehmen soll. Die Frage nach der Ausstellungsgeschichte stellte ich mir erst viel später. Sie kam auf, als bei der Provenienz von Werken im Prado nicht nur Besitzwechsel, sondern auch Standortwechsel festgehalten wurden. Beispielsweise blieb Las lanzas o La rendición de Breda von Diego Velázquez über lange Zeit in der spanischen königlichen Sammlung, dennoch wurden Standortwechsel innerhalb des Königspalasts von Madrid als einzelne Punkte der Provenienz festgehalten. Hier handelt es sich weder um eine Ausstellungsgeschichte noch um die Dokumentation eines Besitzwechsels. Am Ende bin ich überzeugt, dass es sinnvoller ist, zu viele Informationen zu haben als zu wenige. Bei der Darstellung habe ich aber darauf geachtet, dass der Besitzwechsel im Vordergrund steht. Deshalb wurden die Schritte im Besitz der königlichen Sammlung in einem "Provenienz-Punkt" zusammengefasst, mit den vier Einträgen im Palast als ausklappbare Unterpunkte. Seit 2026-10-19 lassen sich solche Angaben als "Provenance records" neben einem Schritt erfassen: Einträge in Inventaren, Katalogen und Ausstellungen sowie Sichtungen, jeweils mit Datum, Ort, Raum, Nummer und den Zweifeln der Quelle. Bei den Sonnenblumen in London sind so etwa die Ausstellungen von 1905 und 1923 festgehalten. Ob ich die Ausstellungsgeschichte darüber hinaus systematisch erfasse, ist noch offen (siehe Offene Punkte).

Provenienznummern

Inventar- und Losnummern werden bei den Provenienzschritten erfasst und unter /provenance-numbers gesammelt. Anfangs war jede Nummer verlinkt. Das ergab wenig Sinn: Die Nummer "244" erschien in jedem königlichen Inventar als Link und führte nur zu einer Suche nach dieser Zahl. Seit 2026-10-20 ist eine Nummer nur noch dann ein Link, wenn ein anderes Werk dieselbe Nummer in derselben Quelle teilt.

NS-Raubgut

Erste Grundlagen für die Auseinandersetzung mit NS-Raubgut sind bereits vorhanden:

Eine umfassendere Behandlung des Themas, etwa mit einer Statistik, ist noch offen (siehe Offene Punkte).

Zeitgenössische Dokumentation

Es wird wohl Geschichten von Kunstwerken geben, die wir niemals aufdecken können. Dokumentationen über die Bewegung von Kunstwerken gingen verloren, wurden vernichtet oder erst gar nicht hergestellt. Mit dem Verlust der Zeitzeug:innen werden wohl auch wenige neue Vermutungen gemacht werden können. Für mich ist dies ein Zeichen dafür, wie wichtig es ist, laufend festzuhalten, wenn sich Kunst bewegt. Wir haben heute die besten Methoden, die es je gab, um die Provenienz zu dokumentieren. Damit können wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Kunstraub und die Zerstörung von Kunst aufgedeckt und festgehalten werden. Mein Tool oder ein Tool wie meines kann Dunkelperioden in der Geschichte von Kunstwerken sichtbar machen und vielleicht sogar Hinweise darauf geben, wie Licht in diese Dunkelheit gebracht werden kann. Facharbeit-1792134559246.webp Dieser Screenshot zeigt deutlich, für welche Zeiträume eine Dokumentation fehlt, und hebt zudem die sensible Periode von 1933–45 hervor.